1493Zuckerrohr erreicht die Karibik
Auf seiner zweiten Reise bringt Christoph Kolumbus Zuckerrohr von den Kanaren nach Hispaniola. Die Pflanze stammt ursprünglich aus Neuguinea und kam über Indien, Persien und das Mittelmeer nach Europa. In der Karibik findet sie ideale Bedingungen — und wird zur Grundlage eines Wirtschaftssystems, das auf Zwangsarbeit beruht.
1620erAus Abfall wird Alkohol
Melasse, der zähe dunkle Rückstand der Zuckerkristallisation, ist zunächst wertlos. Auf Barbados und in Brasilien beginnt man, sie zu vergären und zu destillieren. Erste Namen: "Kill-Devil" und "Rumbullion" — Letzteres ein Wort aus dem Dialekt von Devonshire für Tumult und Handgemenge.
1647Die erste Beschreibung
Der Engländer Richard Ligon beschreibt auf Barbados ein Getränk namens "Kill-Devile" als heiß, höllisch und schrecklich. Es ist die älteste erhaltene Schilderung karibischer Rumdestillation.
1655Die Royal Navy steigt um
England erobert Jamaika. Weil Bier auf langen Fahrten verdirbt und französischer Brandy Devisen kostet, ersetzt die Marine die Bierration schrittweise durch Rum aus den eigenen Kolonien. Der Anfang einer 315 Jahre währenden Tradition.
1703Mount Gilboa, später Mount Gay
Auf Barbados wird eine Urkunde datiert, die Brennereiausrüstung auf dem Anwesen Mount Gilboa auflistet. Sie ist der älteste schriftliche Beleg für einen bis heute produzierenden Rumbetrieb — Grundlage des Anspruchs von Mount Gay, die älteste Rummarke der Welt zu sein.
1731Ein halbes Pint pro Mann und Tag
Die Admiralität standardisiert die Ration: ein halbes Imperial Pint (284 ml) unverdünnter Rum, ausgegeben in zwei Portionen. Bei geschätzten 57 % vol entspricht das rund 160 ml reinem Alkohol — täglich, an jedem Seetag.
1740Old Grog erfindet den Grog
Admiral Edward Vernon ordnet an, die Ration mit Wasser zu strecken und über den Tag zu verteilen. Sein Spitzname "Old Grog" stammt vom Umhang aus Grogram, den er trug. Das verdünnte Getränk trägt seinen Namen bis heute. Später kommen Zitrone und Zucker hinzu — was nebenbei Skorbut vorbeugt.
1764Der Sugar Act
London besteuert Melasseimporte in die nordamerikanischen Kolonien. Neuengland betrieb zu diesem Zeitpunkt über 150 Rumbrennereien; Rum war das wichtigste Exportgut der Region. Der Widerstand gegen die Steuer gehört zu den Auslösern der amerikanischen Revolution.
17.–19. Jh.Dreieckshandel und Sklaverei
Rum ist nicht nur ein Produkt der Plantagenwirtschaft, sondern eine ihrer Währungen. Auf der Route Europa–Westafrika–Karibik werden Waren gegen verschleppte Menschen, Menschen gegen Zucker und Melasse, Melasse gegen Rum getauscht. Schätzungen gehen von rund 12,5 Millionen Menschen aus, die verschleppt wurden; etwa 10,7 Millionen erreichten die Amerikas lebend. Rund 40 Prozent von ihnen landeten in der Karibik.
1808Die Rum Rebellion
In der Strafkolonie New South Wales stürzt das New South Wales Corps Gouverneur William Bligh — denselben Bligh, gegen den 1789 die Bounty meuterte. Auslöser war unter anderem Blighs Versuch, den Rumhandel als inoffizielle Währung der Kolonie zu unterbinden. Es bleibt der einzige erfolgreiche bewaffnete Regierungsumsturz in der Geschichte Australiens.
1830Coffey patentiert die Kolonne
Der Ire Aeneas Coffey lässt eine zweisäulige, kontinuierlich arbeitende Brennapparatur patentieren. Sie liefert reineren, leichteren Alkohol in großer Menge — und spaltet die Rumwelt bis heute in schwere Pot-Still-Stile und leichte Kolonnenstile.
1834Ende der Sklaverei im Britischen Empire
Der Slavery Abolition Act tritt in Kraft. Entschädigt werden nicht die Versklavten, sondern die Sklavenhalter — mit 20 Millionen Pfund, damals rund 40 Prozent des britischen Staatshaushalts. Der Kredit dafür wurde erst 2015 vollständig getilgt. Auf vielen Inseln folgt ein System der "Lehrzeit" und danach Kontraktarbeit, unter anderem aus Indien.
1862Bacardí gründet in Santiago de Cuba
Facundo Bacardí Massó kauft eine Brennerei und verfeinert den kubanischen Stil: Kohlefiltration, kultivierte Hefe, Fassreifung. Im Dach der Brennerei nisten Fledermäuse — daraus wird das Markenzeichen, das auch Analphabeten wiedererkennen können.
1866Die Ration schrumpft auf 71,3 ml
Nach zwei Kürzungsrunden (1824 und 1850) steht die Tagesration bei einem Achtel Imperial Pint — 71,3 Milliliter bei 54,6 % vol. In dieser Form bleibt sie über hundert Jahre unverändert.
1920–1933US-Prohibition treibt die Karibik an
Während in den USA der Alkohol verboten ist, wird Havanna zum Ausweichziel. Barkeeper und Gäste reisen nach Kuba; Daiquiri und Mojito werden Weltmarken. Bacardí wirbt offensiv mit dem Slogan, Amerikaner mögen doch nach Kuba kommen und baden — im Bacardí.
1933–1944Tiki erfindet den Rum-Cocktail neu
Ernest Gantt eröffnet in Hollywood "Don the Beachcomber" und schichtet Rums verschiedener Inseln zu komplexen Mischungen. Victor Bergeron ("Trader Vic") kreiert 1944 den Mai Tai — im Original mit 17 Jahre altem jamaikanischem Wray & Nephew. Die Rezepturen bleiben Betriebsgeheimnis; Gantt nummerierte Flaschen, damit Angestellte die Mischung nicht nachbauen konnten.
1960Kuba enteignet, Bacardí geht ins Exil
Die revolutionäre Regierung verstaatlicht die Brennereien. Bacardí hatte Markenrechte und Hefekulturen vorsorglich ausgelagert und baut in Puerto Rico neu auf. Aus den enteigneten Betrieben entsteht die Staatsmarke Havana Club. Der Markenstreit dauert bis heute an.
31.07.1970Black Tot Day
Um 11 Uhr Bordzeit ertönt auf jedem Schiff der Royal Navy zum letzten Mal der Pfiff "Up Spirits". Danach ist Schluss. Matrosen tragen Trauerflor, Rationen werden symbolisch "auf See bestattet", in der Marineschule HMS Collingwood zieht ein Trauerzug mit schwarzem Sarg, Trommlern und Dudelsackpfeifer auf.
1979Pusser's bekommt die Rezeptur
Charles Tobias erhält von der Admiralität die Erlaubnis, die originale Navy-Blendrezeptur kommerziell zu nutzen — verbunden mit einer Abgabe an den Sailors' Fund der Royal Navy.
1990Die letzte Ration der Welt
Neuseeland schafft als letzte Marine der Welt die tägliche Rumration ab. Damit endet eine Praxis, die drei Jahrhunderte lang zum Alltag auf See gehörte.
1996Martinique erhält die AOC
Als einziges Rumgebiet der Welt bekommt Martinique eine Appellation d'Origine Contrôlée. Sie reguliert Rohrsorten, Erntefenster, Gärung, Kolonnenbauart, Brennstärke und Reifung.
2016Jamaika registriert seine GI
Jamaica Rum wird als geografische Angabe eingetragen. Es folgen Herkunftsregeln in St. Lucia, Guyana, Kuba, Peru, Venezuela und weiteren Ländern. Der Satz "Rum hat keine Regeln" ist spätestens jetzt falsch — Zuckerrohrbrände haben mehr registrierte Herkunftsregeln als Whisky.
2024/25Der GI-Konflikt eskaliert
Im Oktober 2024 verschärft Jamaika seine GI: Reifung ausschließlich im Land, Fässer maximal 250 Liter, als Zusätze nur Wasser und Zuckerkulör. National Rums of Jamaica klagt; seit September 2025 ist die Durchsetzung per Gerichtsbeschluss ausgesetzt. Ein Grundsatzstreit darüber, wem die Wertschöpfung eines Herkunftsprodukts gehört.